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Alessio Castellacci: Voicescaping. 06.05.2017, NOW! Festival, The Voice Evening / the first of 3 improvised performances, Studio VERLIN, Berlin.

Auf der vorderen Kante der angedeuteten Bühne im Studio VERLIN sitzt Alessio Castellacci, mir fast zu nahe, nimmt Blickkontakt mit dem Publikum auf und beginnt beiläufig ein sanftes musikalisches Atemmuster zu entwickeln, das zum Ausgangspunkt einer eindrucksvollen Performance von vorsprachlicher Stimmhaftigkeit wird.

Für die 20 minütige Improvisation erhält er den Ein- und Ausatempuls lebendig – seufzend, brummend, hechelnd, dröhnend, lächelnd, schnaufend, flirtend, fast sprechend, fast singend; immer auf der Schwelle zu erkennbaren stimmlichen Lauten bleibt er in einem trancehaften Zustand von rhythmischer Atmung, verwandelt nicht nur seine Körpererscheinung durch verschiedene Stimmqualitäten, sondern moduliert auch die Textur seiner räumlichen Umgebung.

Als ein Kind aus dem Publikum erschrocken auf die knurrende, repetitive Stimme reagiert, wechselt der Performer seine Spielart, erhält den Rhythmus am Leben, kaut sanft seinen Speichel (Mikromusik oraler Verdauungslandschaften, fast unhörbar), die Ohren der Hörer*innen kitzelnd läuft er zurück in den Raum um in einen bassigen Beat auszubrechen, der sowohl in seinem Resonanzkörper umher flippert als auch in der Blackbox, die sich mal auszudehnen, mal zusammenzuziehen scheint – und ich atme mit.

Minimales Material: Castellacci synchronisiert seine Gesten mit den Atmungsereignissen, die kleinste Gedankenbewegung und Spannungsänderung äußert sich in drastisch variierenden Stimmfarben, seine autodidaktische Methodik wird zur Botschaft dieser Performance, indem sie dem Körper erlaubt einer klaren Deutung zu entkommen, und die Lesbarkeit, wessen Körper das ist und was dieser Körper tut, laufend überschreitet.

English version: Sitting almost too close to me on the brink of the indicated stage at the studio VERLIN, Alessio Castellacci takes up eye contact with the audience and casually begins to emit gentle and musical respiration patterns, that will allow him to enter into an impressing performance of primary voicing.

He keeps a pulse of inhalation and exhalation alive for the 20 minutes improvisation––sighing, groaning, panting, grunting, smiling, wheezing, flirting, almost speaking, almost singing; always at the edge of recognizable vocal gestures, but staying in a trance-like state of rhythmical breathing the performer not only morphs his body-image vocally, but also modulates the texture of the surrounding space.

A child in the audience responds, frightened of the growling, repetitive voice––the performer shifts register, keeping the rhythm alive and delicately chewing his spit (micro-music of a digestive oral landscape, almost not audible), tickling the audience’s ears as he walks far back into the room, breaking into a bombinate beat that seems to rebound in his body’s cavities and flipper through the echo of the sometimes condensing, sometimes expanding, black box––and I join in breathing.

Minimal material: Castellacci synchronizes his gestures with the respiratory events, where the tiniest shift of thought and muscular tone already sets in motion a drastically different vocal colour; moreover his auto-didactic practice becomes the message of this performance, allowing the body to escape signification and to continuously transgress a clear readability of whose body this is and what this body does.

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