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Jule Flierl: Störlaut. 17.06.2018, Sophiensaele, Berlin.

In den vergangenen zwei Jahren wurde der Verdacht zur Gewissheit: Jule Flierl ist ein Nerd! Und eine Übersetzerin – von komplexen Recherchen in klare Strukturen, vom detaillierten Programmbuchinput (sehr schickes Heft!) in irgendwie comicartige Sprechblasen, in denen wenige straßenvokabulargefärbte Sätze intelligente Schneisen in unsere Sichtfenster schlagen, (food for thoughts, food for doubts), von Sprache zu Sprache, von Sprachversagen zu Ausdrucksverlangen, von Geräusch zu Äußerung, von Stimme zu Körper zu Raum, von Girlkultur zu pulp fiction zu kind of pop zu post-gogo-performance, von der Vulgarität Valeska Gerts in menschentierische Anrührigkeit, von historischer Schocköse zu futuristischer Chimäre. Wenn Jule in „Coloratura“ Obertöne durch meine Schädeldecke und ins Geflecht unter meiner Haut jagt, durchschüttelt mich eine Art Gewebefrost, wenn sie auf ihren inzwischen nur noch zweilagigen Plateaustelzen „Tod“ performt und keucht und röchelt und Luft verschluckt, muss ich irgendwann gegen einen Ohnmachtsanfall anatmen. „Legacy“ steht auf der Hinterseite ihres Muskelshirts (Kostüm: Lea Kieffer) zu muskelarmen Oberarmen, von vorne streckt ein Gothicgesicht, blass geschminkt wie Valeska Gert, uns die Zunge raus, und ja, das ist deutlich, und das darf es auch sein, leg dich nie mit deiner heldin ins bett, beiß ihr ins Genick und leck die Wunden, recycle sie, inhabit the symptom, nur so wird Kunst jünger je älter sie wird.

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