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Boris Charmatz / Musée de la danse: enfant. 22.06.2018, Volksbühne Berlin.

Ist Kindheit das Vertrauen, nicht fallengelassen zu werden, das Vertrauen, auf die richtige Art instrumentalisiert zu werden, auf die richtige Art angefasst zu werden? Kräne, Förderbänder, Menschen, die gehoben, abgesetzt, in die Fertigungsschleife verfrachtet werden, dann große Menschen, die kleine Menschen heben, absetzen, ins Gewusel des Selberlebens entlassen: die Welt als mechanisches Ballett, Kindheit als eine (Heidegger’sche) Gleichung mit lauter Unbekannten. Heiner Müller hielt das „Vorsprachliche“ des Tanzes für dessen stärkste Qualität und beim Wiedergucken von Boris Charmatz’ „enfant“ verstehe ich (auch wenn das „vor“ zu sehr nach einer archaischen Ordnung der Dinge klingt), warum: Die besten Geschichten, die zwischen Körpern entstehen, lassen sich nicht erzählen, sie sind voller Ambivalenzen, die sich einem Nacheinander des Erzählens verweigern oder die im Nacheinander zumindest ihr unerträgliches Miteinander von Schönheit und Horror verlieren, ihr Wissen darum, dass in jedem Dornröschen eine Gefahr für die Menschheit schlummert und in jedem Prinzen erst recht.

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