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Jemima Hoadley & Nathan Arbuckle: HE (and me). 16.11.2019. Sophiensæle, The Space In-Between (Berlin Edition), im Rahmen des NO LIMITS Festivals.

In „Romeo und Julia“ überschattet das unüberwindbare Dilemma zwischen der Angehörigkeit der Montague- und der Capulet-Familie eine Liebe, in unserer heutigen Welt überschattet oftmals die scheinbar exklusive Angehörigkeit zur Gruppe der „Normalen“ bzw. der „Nicht-Normalen“ das Miteinander – die Komplexität des Menschseins simplistisch unterwandernd.

In „HE (and me)“ von Jemima Hoadley und ihrem Sohn Nathan Arbuckle wird genau diese Komplexität betrachtet, gelebt, durchlebt und gefeiert, denn der junge Nathan hat nicht nur das Down-Syndrom und Typ-1-Diabetes, er hat auch den Schalk im Nacken, ist wortgewandt, ist kess, während er – im Vertrauen auf die Bewegung – mit seiner Mutter Jemima über das kleine Geviert der Bühne tanzt. Ihre Dialoge sind über die Lautsprecher zu hören, sie scheinen aus den Tiefen ihrer Seele zu kommen und bedürfen keiner physischen Verbalisierung mehr, was dem Wortwechsel eine starke Innigkeit verleiht.

Getaktet wird das Duett durch Passagen des „Romeo und Julia“-Originals: Jemima-Julia auf dem Stuhl (der Balkon) stehend und das Skriptheft in der Hand ihre Liebe dem um sie herumstromernden Romeo-Nathan entgegenskandierend, welcher – einem altklugen Gelehrten gleich – die Einsätze angibt und auf die Akkuratesse der Wiedergabe streng achtet.

Nachdem die Mutter den Insulinspiegel des Sohnes in einer Art theatralischen Zäsur gemessen hat, wird seine Höhe dazu genutzt, in der Dramaturgie zu dem energetischeren Teil überzugehen: Es beginnt die Partyeinlage mit Paillettenjacke und Disko-Hut, wonach Romeo-Nathan stirbt und von Jemima-Julia mit Wehklagen liebkost wird. Darauf folgt Jemimas Solo mit weißem Brautkleid. Nun ist es der hilfreiche Romeo, der Julias schwächelndes Ineinanderfallen immer und immer wieder auffängt, was unsere Aufmerksamkeit zu der finalen Szene von „HE (and me)“ überleitet.

Mutter und Sohn stehen sich gegenüber:

(Stimmen aus dem Off)

Mutter: „Wirst du mich versorgen, wenn ich einmal alt und schwach werde und nicht mehr tanzen kann?“ Sohn: „Ja, natürlich.“

Mutter: „Wenn ich sterbe, wirst du mich in deinem Herzen bewahren und dich um dich selbst und deine Schwester kümmern?“ Sohn: „Das werde ich tun.“

Sohn: „Was machst du jedoch, wenn ich derjenige sein werde, der zuerst stirbt?“ Mutter: „Mein Herz wird daran zerbrechen.“

(Abtritt Mutter und Sohn)

„HE (and me)“ ist ein Duett zweier Menschen, deren Vertrauen zueinander durch vielschichtiges Bühnengeschehen artikuliert und von einem punktuierten Sounddesign getragen wird, sodass dem Publikum die Hände euphorisch von selbst zu klatschen scheinen. Offensichtlich haben die Clans Montague und Capulet ihren Zwist über die Normativität nun endlich beigelegt – zumindest in der Hoadley-Arbuckle-Fassung.

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