84

Karol Tyminski: CHURCH OF NON-DIVINE, Tanzfabrik Berlin Wedding, OPEN SPACES 02.07.2017

Feiner Staub zerbröselt zwischen aufeinander prallenden Ziegeln und legt einen kupferfarbenen Film auf das postapokalyptische Niemandsland. Das Gewicht von Steinhaufen klemmt zwischen drei Körpern, die sich umarmen, einen Kreis bilden, um die Last von einem Ort zum anderen zu tragen und anderswo fallen zu lassen, weil es viel mehr eigentlich nicht zu tun gibt. In dieser Schuttlandschaft bricht ständig etwas in sich zusammen – jemand taumelt auf unsicherem Grund, immer kurz davor, abzurutschen, ein anderer sinkt zu Boden, mauert sich ein, begraben unter Ziegelsteinen, wenn scharfe Kanten in die Haut schneiden und in dröhnend-flackerndem Licht Köpfe dreier Tänzer*innen in den Nacken geworfen werden, die in verdrehten Körperachsen über Ziegelsplitter kriechen und mit eingeklappten Gliedern hyperventilieren. Auf den Trümmern eines verschütt geratenen Glaubens geben sie sich Schwindel, dem Hang zum Absturz hin, feiern Ekstase, Einsturz und Exzess als queeres, überbordendes Punk-Konzert –  ein enthemmter, grenzwertiger und entgrenzter Bilder-Sog hinein in körperinnere Irrwege, Ausstülpungen, Faltungen. Pinke Farbe auf nackter Haut gegen/für die Entleerung des heiligen Sinns und gottverlassene Dreifaltigkeit.

 

83

John Neumeier: Anna Karenina, Hamburg Ballett, 2.7.2017

Da vorn tanzt Emmanuel Macron, nein, stop, so explizit politisch ist John Neumeier als Choreograf nicht, auch nicht in seiner Ballettbearbeitung von Tolstois Ehebruchsroman „Anna Karenina“ – oder? Es ist zumindest so, dass Alexej Karenin bei Ivan Urban ein Politiker ist, jung, energiegeladen, durchsetzungsstark, hypermaskulin, im Wahlkampf produziert so jemand harmonische Familienbilder mit Frau und Kind, Bilder zu denen streng gelächelt und exakt getanzt wird, während das Orchester Tschaikowsky spielt, und natürlich kann Gattin Anna (Anna Laudere) da nicht anders als aus dieser Strenge ausbrechen, sich dem Grafen Wronski (Edvin Revazov) an die Brust zu werfen; worauf es rauer zugeht und der Score zu Alfred Schnittke wechselt. Auch Sex, klar, wie oft bei Neumeier hochglanzdessouswerbungshaft, aber, hey. Gut geht das natürlich nicht aus, Anna bringt sich (in einem tänzerisch tatsächlich atemberaubenden Finale) um, das ist bei Tolstoi ein wenig moralinsauer, und es hilft wenig, dass Neumeier mit dem Parallelpaar Kitty (Emilie Mazoń) und Lewin (Aleix Martinez) eine Ausbruchsalternative anbietet, die der durchgetakteten Realitätsinszenierung die rurale Authentizitätsbehauptung des Landlebens gegenüberstellt. Wobei, auf dem Land geht die Sonne gülden auf, die Bauernschar tanzt herzerwärmend um ihre Sensen, Cat Stevens singt „Morning has broken“, und man fragt sich, ob Neumeier, dieser große, alte Mann des neoklassischen Handlungsballetts, womöglich viel böser, viel ironischer ist als man es je gedacht hätte und die macroneske Politik-Welt des Beginns mit naturburschenhaftem Camp kontrastiert?

82

Roy Carroll, Maya Matilda Carroll and Christian Hawkey as part of drei D poesie: Ingesture. 17.06.2017, Poesiefestival, Akademie der Künste, Berlin.

A meeting between two strange figures, sometimes touching, sometimes distant. Linking words to movement by gesturing in gestures, they recognise the poetic potential of didactic connections. Like in a dream, waves resound around their words, stopping and starting in a fragmented flow. As their interaction deepens, ever gentle and mysterious, they make us remember other hands on other shores. The end is near – a final twist, a voice, a gesture used to break.

81

Marlene Monteiro Freitas with Andreas Merk: Jaguar. 31.05.2017, HAU 2, Berlin.

Animalism, burlesque, puppets, robots, tennis outfits, swimming goggles; three stairs leading to nowhere, the blue horse recalling Der Blauer Reiter; vigorous contractions of the (whining or working out) body: sports culture vs. the Tragedia.

It almost feels like that there is never a direct connection of themes in Marlene Monteiro Freitas’ works: what does the dance movements dragged from the carnival festivities of Cape Verde have to do with Der Blauer Reiter or say, Stravinsky with David Bowie? However, indirect connections build an eclectic architecture: a simple towel helps to suck the sweat of the dancers in tennis outfits as well as to defeat the unseen fly; it cleans the horse, metamorphoses into a penis of a female body and turns the performers into a non-existent creature. Reminiscent of of ivory and flesh – statues also suffer (2014) facial muscles are as crucial as the core; the gape open mouth painted with red is, say, the protagonist. The time is (ab)used with an utmost concentration; after a while, the length of the piece pulls you into an indescribable entity and even creates a tension because of the upcoming end.

 

80

Potsdamer Tanztage: Focus Canada. 16.-28.05.2017, Potsdam.

This year’s Potsdamer Tanztage, supported by the Canadian government (who has boosted arts funding for the next five years in celebration of its 150th anniversary), presented Kanada-Fokus / Focus Canada, which brought the work of four very different Canadian choreographers to German audiences — all are based in Montreal’s vibrant contemporary scene, and yet all represent a style of contemporary dance markedly distinct from the others: „80“ weiterlesen

79

Aline Landreau: Underneath. 02.06.2017, Tanzfabrik Wedding, Berlin.

Dunkelheit drückt auf die Augenlider, bis eine rechteckig-helle Fläche an Kontur gewinnt – die Bühne, an deren Rändern zwei Zuschauerreihen entlang führen. Darauf nur leicht erhoben haben sich zwei Körper niedergelegt, übereinander, geformt zu einem lebendigen Haufen,  einem Felsvorsprung am hinteren Drittel, dort wo es spitz zuläuft und dahinter abschüssig wird. Röchelnd und schnaufend, in Schieflagen und aneinander abgestützt vermessen Aline Landreau und Sébastien Chatellier die Begrenzungen der Bühnenrampe – gleiten über die Holzverkleidung, gönnen sich ab und an ein Seufzen, ein Zur-Seite-Kippen und kurzes Liegenbleiben, Atmen – viel Horizontale –, wenn das Licht tanzend mit einstimmt (Bruno Pocheron, Emese Csornai) und der Soundteppich (Antoine Monzonis-Calvet) sie noch ein Stück davon trägt, bis sie, endlich, zum langen, langen Fall ansetzen. Sie sind abgetaucht, ins Dahinter, wo die Rampe zu Ende ist und sich ein größerer Bühnenraum eröffnet. Schwer zu sagen, ob mit Verlassen des „sicheren“, „gemeinsamen?“ Grunds das Bodenlose drohend schlummert …

78

Gob Squad: Gob Squad’s Kitchen (You’ve Never Had It So Good). 27.05.2017. HAU 1, Berlin.

How to reconstruct an artwork: it’s framing, lighting, and sound, its atmosphere, its tensions, its norms, and its values? Gob Squad, the seven-member Berlin-based collective, ponders these themes in Gob Squad’s Kitchen (You’ve Never Had It So Good), in which they reenact for camera a series of Andy Warhol films. At first it’s all goofing off and jokes: recreation is challenging, fraught with disagreements, and generally hilarious. But as the team convinces audience members to take their place, it’s clear that recreation means reinvention, and that generations both social and artistic must seed newer forms. A forced moment with one of the audience members-come-actors is disturbing: in the spirit of reinvention, should not a hug be substituted for a kiss despite the name of the originary film? This unsettling misjudgement lasts throughout the end of the piece, distracting from the otherwise superbly structured and artfully handled work of interactive theatre.