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MOTUS: MDLSX. 17.02.2017, Studio Я Maxim – Gorki Theater, Berlin

Über „MDLSX“ muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden, das Stück umtourt die Welt in Lichtgeschwindigkeit, im Sommer 2016 Zwischenstopp beim Berliner Tanz im August, jüngst dann im Studio Я des Gorki. Seltsam nur, dass die Theatergruppe Motus und deren Lieblingsschauspielerin Silvia Calderoni erst mit diesem Stück hier – das heißt, hier in Deutschland, und hier im Theater-/Tanzkontext – entdeckt wurden und nicht beispielsweise schon mit „The plot is the revolution“ von 2011, in dem Calderoni auf die damals noch lebende Legende Judith Malina († 2015), die Gründerin des New Yorker Living Theatre, traf. „MDLSX“ ist weder Tanz noch Non-Danse, es ist ein Theaterkonzert (von den Yeah Yeah Yeahs zu The Smith) mit leicht performativen Anteilen, das aufgrund seiner Fluidität fordernden Body Politics im Tanzkontext vermarktet wird. Denkenswert ist dabei „35“ weiterlesen

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Das Alte Reifendepot mit seinen 13 Abschnitten wird nun von dreizehn Figuren bewohnt, die das Spiel zwischen Licht und Schatten des französischen Malers Georges de La Tour in Lebendgemälden Raum für Raum illustrieren. Kleine elektrische Leuchtkerzen und Öllampen beleuchten spärlich die der christlichen Ikonografie entlehnten Themenabläufe, Wiederholungen, von der dunklen Seite des Glaubens erzählend: Schuld, Sühne, Tod. In getragenen und ritualistisch anmutenden Bewegungen entsteht langsam ein Austausch zwischen den Darsteller*innen und ihren vorerst einsam bewohnten Zellen, ein Flux von Raum zu Raum, ein Verweben von Handlungssträngen – die Kinder schreiten zur sitzenden Frau, die Sitzende sucht den Mann mit der Waidmannsmaske auf, das Glitzerpapier wird um die Schultern gewickelt. Ein Spiel der Bezüge, schneller und schneller und schneller… In schwarze Kutten gehüllt schießen die Darsteller*innen nun durch die Gänge, ein Technobeat entlädt sich aus den Lautsprechern, das Reifendepot transformiert sich in einen Partyclub formerly known as Gruselkabinett…., die Zuschauer*innen tanzen, der Bann zwischen distanziertem Beobachter und bewegtem Bild: gebrochen.

Perrine Valli: Cité intérieure. 18.02.2017. L’Ancien Stock de Pneus, Festival Antigel, Genf

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Théo (Touvet) erzählt von seinem amorösen Werdegang, von der Liebe seiner Eltern bis hin zur Unfähigkeit, Eifersucht zu verspüren, oder aber auch von der Fähigkeit, sich für andere zu freuen, der Fähigkeit mehr als nur eine Person zu lieben – bis dank einer sozial interessanten Konstellation Kaori (Ito) in sein Leben trat. Es folgt ein wohl komponiertes, die Ästhetik der Mittel schier auf die Spitze treibendes Tanzstück, das sich all die Attribute der Heteronormativität zu eigen machen scheint. Ito schüttelt mehrfach Touvets Arm, ein Hasch-mich-Spiel folgt, sie entkleiden sich bis zur Unterwäsche, dann ein von einem Ring eingerahmter Volkstanz in gegenseitiger Masturbationspose, Tragefiguren (nur Touvet trägt), darauf: völlige Nacktheit. Nach der persönlichen Einführung vom Beginn, nach dem Gefühl, das Privileg von Vertraulichkeiten genossen zu haben, suche ich vergeblich nach dem Spezifischen, nach dem, was die beiden so einzigartig in ihrer Beziehung zueinander macht und fühle mich leer, ersatzbefriedigt durch den wohl bedachten, fantastisch choreografierten Einsatz von Bewegung und der Requisite Ring, die das Unspezifische spezifisch schön erscheinen lassen. Guy meets girl, you know…

Kaori Ito und Théo Touvet: Embrase-moi. 17.02.2017, Festival Antigel, Musée de la Croix Rouge et du Croissant Rouge, Genf, Schweiz

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Seit eineinhalb Jahren kann das aus sechs Tänzer*innen im Alter 40+ bestehende Ensemble Dance On mit den europaweit angesagtesten Choreograf*innen arbeiten, wird von zusätzlich zwei Handvoll Mitarbeiter*innen betreut und mit einem Budget aus Bundesmitteln von eineinhalb Millionen Euro (von November 2015 bis Mai 2017) gefördert.

Was sich nach einer großen Chance für den Tanz anhört, scheitert „32“ weiterlesen

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Von einem angedeuteten Fünfeck auf dem Boden dirigiert, laufen zwei Männer, blind maskiert mit Hawaiihemden, im Gleichschritt über eine weiße Fläche und drehen sich dann unaufhörlich im Kreis, so dass sich ihre schwarzweiß gemusterten Tanktops und die orangefarbene und blaue Hose zu einem bunten Karussell vermischen, dessen Drehen vom Klang der sporenähnlichen kleinen Schellen, die an den Schuhen anmontiert sind, untermalt wird. Jószef Trefeli und Gábor Varga hinterfragen und unterlaufen in ihrem Tanzstück „Creature“ zeitgenössische und traditionelle Tanztechniken. Die beiden Tänzerchoreografen, die selbst einen Volkstanzhintergrund haben, zeigen in ihrer Produktion Schnittstellen dieses vermeintlichen Gegensatzpaares auf, indem sie zeitgenössisches Bewegungsrepertoire mit archaischen Requisiten wie Peitsche, Stöcken und gefiederten Kostümen gekonnt kombinieren. Dabei setzen sie sich zwar mit verschiedenen ethnografischen, sozialen und kulturellen Traditionen auseinander, bilden jedoch weniger stringente Traditionslinien ab, als dass sie eine Art eigene „Fakelore“ kreieren: gefiederter Überwurf aus bunten Fetzen, ein Hut, der einem Baumstamm gleicht oder umgekehrten Pappeln auf dürrer Erde, auf der das gleichmäßige Stampfen der vier Füße widerhallt. Irgendwann fallen die Masken

Jószef Trefeli und Gábor Varga: Creature. 03.02.2017, Zeitgenössische Schweizer Tanztage, Palladium, Genf

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Foofwa d’Immobilité, homme kaléidoscope, nous réfléchit dans ses « Histoires condansées » les facettes de la danse par son prisme personnel, facétieux, documenté, poétique. Dans un Stand Up, l’artiste se fait tour à tour narrateur, rapporteur d’anecdotes croustillantes sur la vie de danseur-chorégraphe ou interprète virtuose du répertoire en incarnant les icônes de la danse, de Vaslav Nijinski à Lucinda Childs. Ce spectacle généreux, engagé, personnel et qui s’adresse autant au néophyte qu’au connaisseur, traverse 125 ans de l’histoire de la danse. Le conférencier clownesque de cette histoire nous rappelle que dans cette discipline au geste éphémère, la transmission se fait par imprégnation, reproduction, imitation, partage : en l’occurrence le partage d’une passion avec son audience est un pari réussi.

Foofwa d’Immobilité: Histoires condansées. 01.02.2017, Journées de Danse Contemporaine Suisse, Théâtre de l’Ecole internationale, Genève.

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Inzwischen ist ihr Körper alt, und noch immer trägt sie das Kostüm der Nacktheit. Beatrice „Trixie“ Cordua spielt sich selbst und vervielfältigt sich – ihr Körper erzählt, markiert, spielt an, ihr Mund spricht, ihre Stimme dokumentiert jeden Schritt, teilt sich in heute und damals, löst sich in Bildern virtuoser Erinnerung auf. Trixies persönliche Geschichte ist auch ein Stück Tanzgeschichte, und sie alle kommen darin vor: Pina Bausch – „Trixie, du bist doch viel zu potent!“ –, Merce Cunningham – „Trixie, schau nur aus dem Fenster, es ist alles schon da, die ganze Choreografie!“ – ihr Mann – “Gott, ist das genial!“ –, Igor Stravinsky, Robert Rauschenberg, John Cage und immer wieder ein sentimentaler John Neumeier, den Trixie trotz seines Katholizismus besonders schätzt.

Nicole Seiler schafft mit „The Wanderers Peace“ ein komplexes Stück über und mit Beatrice Cordua. Eine Hommage an eine alternde Tänzerin, an den sprechenden, denkenden, fühlenden, unermüdlich spielenden Körper.

Nicole Seiler: The Wanderers Peace. 01.02.2017, Zeitgenössische Schweizer Tanztage, Théâtre Gramond, Genf

27

Das grossflächig projizierte Foto eines idyllischen Waldes, darauf abgelichtet dieselbe Frau, die sich während der nächsten rund 60 Minuten nackt vor diesem Foto von links nach rechts bewegen wird, ohne sich dabei jemals wirklich zu entblössen. Vogelgezwitscher, Stille, Grossstadtlärm oder die Schweizer Nationalhymne (Stirnrunzeln im Saal) streicheln hie und da als Soundkulisse das Dargestellte; manchmal parallel, manchmal konträr zum Gesehenen. Das Waldstück wandelt sich nicht nur durch die sachten oder erschütternden Töne, sondern auch mit Hilfe von subtilen Lichteffekten auf der Leinwand, die wechselweise Nähe oder Entfremdung auslösen, wenn der Wald warmgelb, nebligkühl oder dämmrigblau anmutet. Durch „27“ weiterlesen

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Das erste, was mir zu „Irrational Landlordism“ einfällt, ist meine Vermieterin, die Gewobag – eine städtische Wohnungsgesellschaft, die bei akuter Wohnungsnot Objekte in Bestlage jahrelang leer stehen lässt und mit Vorliebe kleine Büroprinzessinnen beschäftigt, die sich, vermutlich weil sie mittlere Reife haben, zu schade sind, mit ihren Mieter*innen zu telefonieren, selbst wenn Wohnungen sich nicht auf über 15° heizen lassen. Also mal wieder ein Klammer-Finger-Text. Das zweite, was mir (bereits vor Ort) einfällt, ist Tim Renner – unser kurzlebiger Kulturstaatssekretär, der die ganze Kunstszene zur Kreativwirtschaft erklären wollte, und der Recht hat(te) – was ihm sein Feierabendbierchen heute bestimmt ganz besonders schmecken lässt (Prost!). „26“ weiterlesen