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Michelle Moura mit Clara Saito: BLINK – mini unison intense lamentation. 21.07.2019, Kasino am Schwarzenbergplatz, ImPulsTanz, Wien.

Als ich mit etwa 15 Jahren Lion Feuchtwangers Roman „Die Jüdin von Toledo“ las, habe ich den Lidschlag der Protagonistin so deutlich vor mir gesehen, dass ich ihn erstens immer wieder geübt und zweitens nie vergessen habe: ein langsames Niederschlagen der Lider zwischen Verlangen und Schicksalsergebenheit – keine emanzipierte und auch keine behauptungsstarke Geste, und doch eine, die manchmal passt.

Wenn ich in Zukunft an Lidschläge denke, werde ich aber noch mehr an Michelle Moura und Clara Saito denken. In „BLINK“ dekonstruieren sie den Automatismus des Blinzelns, indem sie die Bewegung des Lidsenkens bewusst vollziehen, timen und als Ausgangspunkt einer somatisch stimulierten Reise nehmen. Es entstehen völlig neue Körper zwischen Geistern, Göttern, Gnomen und hypnotischen Grimassen, zwischen Halluzination und Verwandlung, zwischen formalem Experiment und Transzendenz – eine Séance, die nichts Spiritistisches hat sondern durch präzise Forschung am Körper ungeahnte Verwandlungen auf die Bühne ruft.

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