173

Zur TANZPLATTFORM 2018, Auszug aus dem Vorwort zum Katalogbeitrag von 4.5

„Wie können wir so über Tanz schreiben, dass der Text nicht Endprodukt sein
muss, sondern selbst in Bewegung ist? […] Was ist unsere Haltung als Be-Schreibende, wie gehen wir mit unseren Zweifeln und unserer Begeisterung, unseren Freund- und
Feindschaften um, wie viel Raum für Begegnung und ein Weiterspinnen des Gedankenfadens schaffen wir? „173“ weiterlesen

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172

POSITIONSWECHSEL
Ein Rudel in der Mitte des Raums, zwischen kühlen Betonwänden.
Einzelne lösen sich träge aus ihren Stellungen, Genitalien hängen, schwingen gemächlich, wenn sie mit ausgestreckten Armen auf allen Vieren den dunklen Boden in Halbkreisen entlang schlendern, die Fingerkuppen eingeknickt, Handballen wie Pfoten. Positionswechsel: um zusammen, gehäuft, unsichtbare Beutetiere in ihrer verdeckten Mitte zu zerreißen. Kein Maunzen, kein Gebrüll oder Ablecken — „172“ weiterlesen

171

PAS DE DEUX, PAS DE CHAT
Unter Strom wirken sie, hoch elektrisiert wird jeder Beat in Bewegung umgesetzt, die Arme federn mal sanft und rhythmisch, mal peitschen sie die Luft aus –
Durchtrainierte Körper teilen sich die Bewegungen beinahe ganz, jeté, arabesque, relevé,
viele kleine Schritte mit gestreckten Beinen, bourée en couru, lassen die Tänzer*innen
optisch gleiten, alles zieht nach oben, alles erfüllt, auch in Socken. Au — „171“ weiterlesen

170

PRÄGUNGEN
Menschenkörper sind von Drahtflusen umhüllt, marschieren mit flachen Fußsohlen durch den Raum, im Maschinentakt, in Chören, fremdgesteuert, mit gestreckten Knien, mit steifen Hüften, in Kippmomenten, verharrend, zitternd, betont grotesk. Eingedrehte Gelenke, verzerrt, Arme nach oben gestreckt, Handgelenke verstreckt, Finger greifen … wohin? Krieger*innentänze, Zombietänze, der Mensch, die Kreatur, im Angesicht einer diffusen Bedrohung. Lasergeschnittene Kostüme, unkleidsame Kleider, futuristische Entkleidungen. Die Menschen bleiben dieselben: stellen die Anderen in Reihen auf, strafen einander mit Nichtachtung und umklammern sich, prallen aneinander ab in silbergrauen Ummantelungen. Form und Nach-Druck von Formen.

Nach Live-Eindrücken von Sasha Waltz’ ›Kreatur‹

169

PURZELN
Aus sich selbst heraus, eingesperrt, -gepfercht oder in Sicherheit gebracht in einen Raum
ohne Ausblick. Es sind zehn junge Männer, ihr Warten am Rande, die Gesichter zur Mitte
gekehrt: Wo der Tanz entsteht, heraustitscht, aus ihnen herausschleicht, -fliegt, -fühlt, -rast oder -purzelt, aus jedem einzelnen, aus zweien, mehreren, Einbrüche, Ausbrüche. Ins Freie treibt sie der Tanz, in die Höhe, die Brust gewölbt, in gedribbelten Rhythmen, ins Beschleunigen der Arme, mal vorwärts, mal rückwärts, ohne Tor, ohne Ziel, in spielerisch kurze Kontakte mit Kollegen, Heben, Abgeben, Einhaken, Aushaken. Es hält ja nicht, das Versprechen. Die Köpfe hängen, die Körper trotten und rollen, auch das ist noch Tanz, ihr Leben, etwas anderes haben sie nicht.

Nach Live-Eindrücken von Grupo de Rua / Bruno Beltrãos ›Inoah‹