177

Dimitris Papaioannou/Tanztheater Wuppertal: Neues Stück I. Seit sie. 12.05.2018. Opernhaus Wuppertal.

Es gibt mehrere Arten, irrationale Bilder zu ordnen: psychologisch, psychoanalytisch, nach Symbolen, kategorisch, ästhetisch, atmosphärisch… Dimitris Papaioannou scheint in seiner Choreografie „Seit sie“ für das Tanztheater Wuppertal (der ersten abendfüllenden seit sie, Pina Bausch, im Reich des rational nicht Fassbaren verschwunden ist) vor allem an einer atmosphärischen Ordnung interessiert – was legitim ist, mal abzüglich der schlechtesten Szene, die trotz einer superoriginellen Eisprungvariante ganz schlechte Kulinarik bleibt: frisch aus der Vagina gepresstes Spiegelei an gebratenem Penis (alias Weißwurstattrappe). Kochbücher können Schlimmes „177“ weiterlesen

176

Katerina Andreou: BSTRD. 28.04.2018. Young Choreographers Festival. Onassis Cultural Centre, Athens.

Take Four: four beats per bar, four T-Shirts, three on top of each other plus a spare one, four sides of the space standing on its angle, four sides of a figure of space inside of the one standing on its angle. Katerina Andreou uses a clear, minimalist arrangement and a clear, minimalist structure: permutations, permutations, permutations, permutations. And meanwhile we „176“ weiterlesen

175

Gerhard Bohner/Tanzcompagnie Rubato: SOS. 27.04.2018. Akademie der Künste am Pariser Platz, Berlin.

Gerhard Bohners wie von Morsezeichen gerastertes „SOS“ entstand 1991 in enger Zusammenarbeit mit den Rubato-Gründern Jutta Hell und Dieter Baumann in einem schmalen Flur des Hebbel-Theater in Berlin (heute HAU). Aus dem Band „herzzero“ des Konkrete-Poesie-Vertreters Franz Mon wird u.a. deklamiert: „befindet sich ein mensch in einem gestell, so kann er darin bleiben oder es verlassen, wenn es zugelassen wird“. Frei im strengen Gerüst der Zählzeiten „175“ weiterlesen

174

Jochen Roller / Friederike Lampert + Nationalballett Kosovo: SYN-. 19.04.2018, Sophiensæle, Berlin.

Rhyth-Rhyth, mus-mus; Rhyth-Rhyth, muss-muss, küss die Musen, küss Mnemosyne — wach?: 13 androgyne Wilis (Schleierpalette: Feuervogel-Rot bis Flamingo-Rosa) schweben uniform durch den wummernden Festsaal. Für die House Music sorgt die sich lasziv gebende Djane; das in strenger Raum- und Körpergeometrie angelegte Zusammensein des kosovarischen Nationalballett aber nimmt den Schwung eher raus als ihn weiter zu treiben. Allzu SYNchron walzt sich das Bild von Gemeinschaft hier breit. Notiz für den Tanzatlas: Ein Ballett-Upcyclingversuch, der in ornamenthafter Laufstegatmosphäre verharrt.

173

Zur TANZPLATTFORM 2018, Auszug aus dem Vorwort zum Katalogbeitrag von 4.5

„Wie können wir so über Tanz schreiben, dass der Text nicht Endprodukt sein
muss, sondern selbst in Bewegung ist? […] Was ist unsere Haltung als Be-Schreibende, wie gehen wir mit unseren Zweifeln und unserer Begeisterung, unseren Freund- und
Feindschaften um, wie viel Raum für Begegnung und ein Weiterspinnen des Gedankenfadens schaffen wir? „173“ weiterlesen

172

POSITIONSWECHSEL
Ein Rudel in der Mitte des Raums, zwischen kühlen Betonwänden.
Einzelne lösen sich träge aus ihren Stellungen, Genitalien hängen, schwingen gemächlich, wenn sie mit ausgestreckten Armen auf allen Vieren den dunklen Boden in Halbkreisen entlang schlendern, die Fingerkuppen eingeknickt, Handballen wie Pfoten. Positionswechsel: um zusammen, gehäuft, unsichtbare Beutetiere in ihrer verdeckten Mitte zu zerreißen. Kein Maunzen, kein Gebrüll oder Ablecken — „172“ weiterlesen

171

PAS DE DEUX, PAS DE CHAT
Unter Strom wirken sie, hoch elektrisiert wird jeder Beat in Bewegung umgesetzt, die Arme federn mal sanft und rhythmisch, mal peitschen sie die Luft aus –
Durchtrainierte Körper teilen sich die Bewegungen beinahe ganz, jeté, arabesque, relevé,
viele kleine Schritte mit gestreckten Beinen, bourée en couru, lassen die Tänzer*innen
optisch gleiten, alles zieht nach oben, alles erfüllt, auch in Socken. Au — „171“ weiterlesen